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Prosaskizzen

Kein Laut, kein Ort. Wo ist vor, wo hinter mir, wo ich, wo es, anderes - ich bin ohne Ortung. Ein konturloser Tag.

Der Deich unter meinen Füßen mein Halt. Steine tauchen auf aus dem Wasser, nein, Eis aus dem Seenebel. Ich weiß, das Wasser ist erstarrt auf beiden Seiten.

Ich traue mich nicht, über das Eis, obwohl es ja keine Tiefe gibt, in die ich einbrechen könnte. Verloren fühlte ich mich in der Unendlichkeit, im Nichts.

Froh bin ich, einen Fuß vor den anderen setzen zu können, gerade nur die Gegenwart zu haben, die ein Schritt bemisst.

Noch vor ein paar Wochen Dauerfrost und Schnee, jetzt ist es milder, der Schnee auf dem Eis schon geschmolzen, daher der Nebel, der den Frühling bringen wird.

Was ist mit Leben im gefrorenen Watt, das in seiner Vielfalt noch den Regenwald übertrifft? Seeschnecken, deren gedrechselte Behausungen ich immer wieder sammele, haben Glycerin in ihrem System, ein Frostschutzmitel, und die unzähligen Wattwürmer graben sich einfach tiefer in den schwarzen Schlick, wenn die Temperaturen sinken. So kommen allerdings die Seevögel nicht mehr an ihre Nahrungsgrundlage, wenn das Watt friert ...

Ich fahre zusammen - ein Sirren in der Luft! Ich atme auf - die Brandgänse sind wieder hier, das weiß ich jetzt.

(März 2018)

Praying

It doesn’t have to be
the blue iris, it could be
weeds in a vacant lot, or a few
small stones; just
pay attention, then patch

a few words together and don’t try
to make them elaborate, this isn’t
a contest but the doorway

into thanks, and a silence in which
another voice may speak.

- Mary Oliver

Lebende Fugen - Fugenleben

Löwenzahn Vergissmeinnicht Glockenblume Habichtskraut Mäuseohr Veilchen Akelei  Klee Malve Fingerhut Lärchensporn Schafgarbe Klatschmohn Was es wohl ist? Oregano Thymian Zitronenmelisse Borretsch Lavendel Fetthenne Mauerpfeffer Hauswurz Etwas Gelbes ...

Verfugtes Leben schiebt sich mit langen  schmalen ganzrandigen Blättern und einer deutlich mittigen Blattader durch den Spalt nach oben. Dicht über dem Boden liegend, ein Zeichen für die tiefe lange Wurzel, die ohne  offene Fläche ihren Raum im Untergrund sucht.  Zwischen weichen Blättern erhebt sich gerade zum  Licht der sanft behaarte Stängel. Kleine kugelförmige Knospen verraten noch nicht die leuchtend gelb, orange oder roten Blütensterne, die sich bald öffnen werden.

Fest verfugt ist die unterste flauschige Blattrosette, die sich tatsächlich wie ein "Mäuseöhrchen " anfühlt. Der andere Name "Habichtskraut" erstaunt mich - was hat der Habicht mit dieser Pflanze gemein? Was zeichnet den Habicht aus? Die  scharfen Augen fallen mir ein. Tatsächlich ist dieses Kraut so benannt, weil Menschen ihm eine heilende und stärkende Wirkung für die Augen zu schrieben, da Habichte, so erzählte man sich, ihre sprichwörtliche Sehkraft dieser Pflanze verdanken. So lenkt dieses Fugenleben meinen Blick zum Himmel ...

(Mai 2021)

Mein Wald, ich habe keinen Schutz für dich, du verschwindest vor meinen Augen.

Schwarze Schornsteine, ohne Laubwolken, ein Friedwald der anderen Art ...

Endlich verstehe ich - die Sonne brennt auf uns beide, ich fliehe. Ich will es nicht sehen, umgehe, vermeide, verschließe meine Augen, um dann doch zurückzukehren, zu dir.

Nur eine kurze Zeit, vom Vorfrühling zum Spätfrühling - deine Stämme behaust von quirligem Leben, deine Rinden übersäät von saftgrünem Geflecht versponnener Moose. Und zwischen den schwarzen Vertikalen der Boden übersäät von gelbhellgrünen Wirbeln, gezackten Trieben, die ihre Finger dem Licht entgegen strecken. Unter eurer Schattenkühle werde ich nicht mehr Schutz finden.Ihr habt es geschafft, wielange, bis andere kommen und wieder stören was allen gehört?

Habt ihr die Zeit, die ich nicht habe, Eichenjahrhunderte? Zu spät für mich, Hoffnung für dich, mein Wald?

(August 2021)

It’s not just the land that is broken, but more importantly, our relationship to land … we can’t meaningfully proceed with healing, with restoration, without “re-story-ation.

In other words, our relationship with land cannot heal until we hear its stories. But who will tell them?

- Robin Kimmerer, "Braiding Sweetgrass "