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Prosaskizzen

Verfugtes Leben schiebt sich mit langen  schmalen ganzrandigen Blättern und einer deutlich mittigen Blattader durch den Spalt nach oben. Dicht über dem Boden liegend, ein Zeichen für die tiefe lange Wurzel, die ohne  offene Fläche ihren Raum im Untergrund sucht, zwischen weichen Blättern erhebt sich gerade zum  Licht der sanft behaarte Stängel. Kleine kugelförmige Knospen verraten noch nicht die leuchtend gelb, orange oder roten Blütensterne, die sich bald öffnen werden.

Fest verfugt ist die unterste flauschige Blattrosette, die sich tatsächlich wie ein "Mäuseöhrchen " anfühlt. Der andere Name "Habichtskraut" erstaunt mich - was hat der Habicht mit dieser Pflanze gemein? Was zeichnet den Habicht aus? Die  scharfen Augen fallen mir ein. Tatsächlich ist dieses Kraut so benannt, weil Menschen ihm eine heilende und stärkende Wirkung für die Augen zuschrieben, da Habichte, so erzählte man sich, ihre sprichwörtliche Sehkraft dieser Pflanze verdanken. So lenkt dieses Fugenleben meinen Blick zum Himmel ...

(Mai 2021)

Mein Wald, ich habe keinen Schutz für dich, du verschwindest vor meinen Augen.

Schwarze Schornsteine, ohne Laubwolken, ein Friedwald der anderen Art ...

Endlich verstehe ich - die Sonne brennt auf uns beide, ich fliehe. Ich will es nicht sehen, umgehe, vermeide, verschließe meine Augen, um dann doch zurückzukehren, zu dir.

Nur eine kurze Zeit, vom Vorfrühling zum Spätfrühling - deine Stämme behaust von quirligem Leben, deine Rinden übersäät von saftgrünem Geflecht versponnener Moose. Und zwischen den schwarzen Vertikalen der Boden übersäät von gelbhellgrünen Wirbeln, gezackten Trieben, die ihre Finger dem Licht entgegen strecken. Unter eurer Schattenkühle werde ich nicht mehr Schutz finden.Ihr habt es geschafft, wielange, bis andere kommen und wieder stören was allen gehört?

Habt ihr die Zeit, die ich nicht habe, Eichenjahrhunderte? Zu spät für mich, Hoffnung für dich, mein Wald?

(August 2021)